Nachtrag/Rückblick 3. Arbeitswoche
Mag sein, dass ich mich wiederhole. Mag sein, dass es jedem so ergeht, der flügge wird ….
Hier – immer noch behütet aber doch mit etlicher Selbstständigkeit versehen – merke ich, wer und was mir wichtig ist; ich spüre, wo meine Wurzeln sind, meine Heimat, wo ich hingehöre; ich entdecke Eigenschaften, Vorstellungen, Gebräuche in mir, die ich ganz genau meinem Elternhaus zuordnen kann, wenn nicht gar ganz Deutschland … ich erkenne, was mich geprägt hat; ich sehe klarer, wer ich bin…. dieser neuerliche Selbstfindungsprozess ist so enorm wichtig für mich; er ist geradezu essentiell….
Ich spüre zwar meine Zugehörigkeit, aber ich stelle auch fest, dass ich mich hier wohl fühle, dass ich mich in der Fremde zuhause fühlen kann; ja, es ist gar nicht fremd, es ist vertraut; Irland ist nicht komplett verschieden, natürlich….
Das Verhalten und Leben meiner Gast-Mum schon (mit einem Schmunzeln geschrieben).
Aber ich esse hier, was ich auch zu Hause esse, ich habe einen ähnlichen Tagesablauf, ich tue Dinge, die ich auch in Deutschland tat ….
Ja gut, die Fenster hier sind anders, die Türen, die Betten sind anders, die Preise sind höher, Low Fat kostet weniger als normale Produkte, Diesel mehr als Normalbenzin, ich kriege hier jeden Tag eine kostenlose Tageszeitung, die Züge und Autos fahren andersrum, die Busse sind merkwürdig und man muss ihnen wie einem Taxi zuwinken, Busfahrpläne gibt es keine richtigen, und wahrscheinlich noch einiges, was ich vergessen habe ….
Aber mit den Sachen lässt es sich leben; man gewöhnt sich an die meisten Sachen ….
An einige allerdings auch nicht ….
z.B. due Sache mit dem Türbriefschlitz. Die Post liegt quer auf dem Boden im Flur, egal wie der ist und das Öffnen der Tür gestaltet sich teilweise als unmöglich.
Und dann sind da noch die erwähnten „deutschen Eigenschaften“ oder auch einfach nur Eigenheiten, die ich hier an mir festgestellt habe:
- Ordnung (Der Besteckkasten hier war ein einziges Chaos; ich hab ihn sortiert, weil ich das brauche, diese Ordnung dort)
- Sauberkeit/Gründlichkeit (Meine Gast-Mum hat die Angewohnheit schmutziges Geschirr in eine große mit Wasser gefüllte Plastikschüssel mit Spülmittel zu legen, es lange drin zu lassen, rauszunehmen, mit Wasser abzuspülen, trocknen lassen, ab in den Schrank; kleinere Krümel oder sogar Schlieren bleiben unbeachtet; ih; ich wasche immer gründlich und wenn etwas noch nass ist nach dem Stehen lassen, dann trockne ich es auch ab; ich hasse es, schmutziges Geschirr aus dem Schrank zu nehmen, wenn ich es gerade benötige)
- Pünktlichkeit (auch wenn ich zwischenzeitlich eine etwas laschere Beziehung zur Zeit hatte, wird sie mir hier merklich wieder wichtiger; ich mag es einfach nicht, spät dran zu sein; blöd nur, wenn die irischen Verkehrsmittel keine Lust haben mitzuspielen, die Iren sehen das halt wirklich nicht so eng)
- Perfektionismus (Besonders auf Arbeit bemerkbar; er blüht hier merklich wieder auf; keine halben Sachen, wenn dann richtig, ordentlich und gründlich; mit manchen Zeitvorgaben leider unvereinbar und darum zermürbend)
- ??? (Wir bekommen auf Arbeit immer Milch geliefert, montags und mittwochs, soweit ich das weiß, jeweils vier Packungen; und da wird munter drauf los geöffnet, egal wie das Verbrauchsdatum aussieht und ungeachtet einer vielleicht schon offenen Packung; jedes Mal, wenn ich am Kühlschrank bin, sortiere ich die Milchpackungen so in den Kühlschrank, dass jeder es ganz leicht hat, die am ehesten zu verbrauchenden Packungen ZUERST zu öffnen und bitte angefange Behälter auch ZUERST zu verbrauchen *grrrr*)
(noch eine nicht typisch deutsche oder Elternhaus bedingte, sondern seelenbedingte Eigenschaft 
- Liebe zum Meer/Wasser (eine Wiederentdeckung; teilweise ein Lebenselixier; mein 1. Gedicht in Irland drehte sich um das Meer; ich weiß nicht, wie ich nach September ohne Meer leben soll; …)
Schon wieder zu weit in die Zukunft denken; dabei erreichte mich unlängst eine Karte meiner Mama, mir doch bitte die Zeit zum Leben zu nehmen!Ich lebe! Das hier ist leben! So wie ich es tue! Der Beginn dieser Woche war ein Tal, der Donnerstag aber ein Gipfel – ich war ausgeschlafen, habe die Broschüre soweit fertiggestellt, die Sonne hat geschienen, es war warm und ich am Meer ….
Es war ein wundervoller Tag. Und Anne sagte sogar zu mir, meine Augenringe seien nicht so stark wie die Tage zuvor (das ist ihr aufgefallen!!!). Ich war richtig glücklich.
Das Tal hat nicht überhand genommen, und auch wenn die Arbeit mich auch in meiner Freizeit beschäftigt, übernimmt sie nicht das Kommando über sie.
Ich fühle mich als Mensch gut. Und auch wenn das große Heimweh bisher ausblieb, so denke ich jeden Tag an alle meine Liebsten, nicht zuletzt wegen meinem 3-Stufen-Altar mit Erinnerungsstücken; plus bestimmte Lieder, die ich mich an bestimmte Leute erinnern. Und wann immer ich zurzeit an meine Eltern denke – sei es während ich lese oder abwasche oder auch mitten im Berufsfußgängerverkehr morgens auf dem Weg zur Arbeit – muss ich lächeln, weil ich mich freue, dass sie herkommen. Sie haben mir Schritt für Schritt ihr Leben und das Leben allgemein gezeigt, jetzt zeige ich ihnen einen Teil von meinem.